Rico Friebe – Maintenant: Rezension zum improvisierten Klavieralbum

Meinen Freund René habe ich im Sommer 1984 kennengelernt. Seine Freundin hatte gerade mit ihm Schluss gemacht – und mir passierte zeitgleich das Gleiche. Meine Kusine hielt es für eine gute Idee, uns beide zusammenzubringen: erstens wegen der unendlichen Liebe zu unseren (ehemaligen) Freundinnen und zweitens wegen der ewigen Liebe zur Musik.

Ich werde René ebenfalls auf ewig bewundern, weil er es mit herkömmlichen Bandmaschinen geschafft hat, das Klaviersolo von Supertramps „School“ zweimal hintereinander zusammenzuschneiden. Und zwar ohne dass man einen Schnitt hören konnte. Das war Magie – und irgendwie ist es bis heute Magie geblieben, wenn ein Instrument mehr sagt als hundert Erklärungen.

Wie komme ich nun zu Rico Friebe? Das dauert noch einen Moment.

René spielte mir im Laufe des Jahres viele seiner Lieblingsstücke vor, darunter nicht nur die üblichen Verdächtigen der Siebziger, sondern auch völlig unbekannte Künstler. Einer davon: George Winston. Der Mann sah aus wie ein alter Hippie, setzte sich an ein Klavier und klimperte drauflos – „Thanksgiving“ war das erste Stück, das ich hören durfte. Und jetzt sind wir tatsächlich bei Rico Friebe und seinem neuen, höchst limitierten Album Maintenant*.

„Maintenant“ – Musik aus dem Jetzt (und ohne Netz)

Rico hat auch dieses Mal wieder ein paar warme Worte zur Entstehung des Albums mitgeschickt. Ich zitiere ihn gern, weil man daran merkt, woher der Wind weht – und weil Rico spürbar jemand ist, der seine Kunst ernst nimmt:

„Maintenant entsprang […] im Oktober 2024 […] ohne Vorbereitung in einer ununterbrochenen Aufnahmesession, 1:1 und ohne Outtakes, ein gänzlich improvisiertes Klavier-Album aufzunehmen […], das einen Moment im ‚Jetzt‘ repräsentiert.“

Wie schon beim Vorgänger „Pain Matters“ muß ich diesen Text ein paar Mal lesen, bevor ich verstehe, was der Künstler mir sagen will. Ich verstehe Rico so: Er hat sich – ähnlich wie Keith Jarrett 1975 in Köln – einfach ans Klavier gesetzt, den Aufnahmeknopf auf „Rec“ gestellt und dann gespielt. Ohne Sicherheitsleine, ohne doppelten Boden. Mal sehen, wohin mich meine Kunst treibt.

Die Rezension zu „Pain Matters“ findest du hier: https://plattenkritik.com/pain-matters-von-rico-friebe-offenbart-emotionale-tiefpunkte/

Graues, marmoriertes Vinyl – und kein Cover

Rico liefert uns kein Albumcover. Das grau-marmorierte Vinyl steckt lediglich in einer Plastikhülle. Ich muß eine Lupe zur Hilfe nehmen, um in der Auslaufrille die A- von der B-Seite zu unterscheiden. Ein Statement? Vielleicht. Oder einfach Konzentration aufs Wesentliche.

Auf der A-Seite hören wir:

Prémices (Anfang)
Rosée (Tau)
Disparate (Grundverschieden, Unvereinbar)
Les Merveilleux Nuages (Die wunderbaren Wolken)
Salle D’Attente (Wartezimmer)
Cisaillement (Scheren)
Cruidés
(Kreuzfahrten)

Und auf der B-Seite:

Bifurcation (Gabelungen)
Essor (Aufstieg)
Élysées (Elysium – vollkommenes Glück)
Envoûté (Verzaubert)
Conclusions (Schlussfolgerungen)
Souvenirs
(Erinnerungen)

Nun gut: Meine Französisch-Kenntnisse sind ebenfalls disparate. Aber ich lege das Album auf – und bin überhaupt nicht überrascht, wie schön das klingt.

Warum „Maintenant“ für mich direkter wirkt als „Pain Matters“

Warum „Maintenant“ für mich direkter wirkt als „Pain Matters“Rico läßt seinem Talent freien Lauf und berührt die Tasten repetitiv und vor allem dynamisch. Er läßt uns für eine kurze Zeit an seiner Gefühlswelt teilhaben. Das ist allemal – und für mich sofort – verständlicher als „Pain Matters“ es damals war.

Vielleicht bin ich intellektuell nicht auf dem gleichen Stand wie Rico. Uns trennen mindestens 30 Jahre. Und trotzdem erreicht er mich mit diesem Album direkt und ohne Umwege.

René sei Dank.

Fehlende Songstrukturen? Oder: Freiheit statt Fahrplan

Dass es sich bei den Titeln um rein assoziative Begriffe handelt, setze ich mal voraus. Das kann allerdings nur Rico selbst beantworten. Ich liebe es, für fertige Texte einen Titel zu finden: Die spontanen Einfälle sind oft die ersten – und die besten.

Und Rico bringt es fertig, dass ich mir erneut darüber klar werde, dass das Klavier wohl mein liebstes Musikinstrument ist. Erst gestern habe ich alte Stücke von meiner Band mit Hilfe der KI überarbeitet und dabei festgestellt, dass ich bei den Prompts fast immer auch das Klavier vorgebe. Direkt danach kommt die elektrisch verstärkte Gitarre.

Ich bin ja auch mit der Musik der Siebziger groß geworden. Zuerst Schlager und Popsongs, dann Progrock, gefolgt von Rock, Hardrock, New Wave, Romantic, Dance – hab ich was vergessen? Und immer wieder gab es großartige Musik, die sich nicht an eine Form geklammert hat: Crossover, in allen Stilen zu Hause, offen für alles.

Weggabelungen: George Winston, Minimalismus – und die Beatles im Hinterkopf

Die zweite Seite des Albums erinnert mich mit ihren minimal abgewandelten Akkorden erneut an George Winston und sein „Autumn“-Album aus dem Jahr 1980. Ein Kritiker schrieb damals sinngemäß, dass diese Musik gleichzeitig erhöht, aufwühlt, besänftigt und entspannt. Rico Friebe gelingt das ebenfalls – mit berührend einfachen Melodien (bitte das „einfach“ nicht missverstehen). Sein Spiel strahlt vor allem auf Seite B eine großartige, verworrene Ruhe aus.

Und ebenfalls spontan fällt mir die schier endlose Schlussminute der Beatles bei „A Day In The Life“ ein: dieser lang ausklingende, auf drei Klavieren gleichzeitig gehämmerte E-Dur-Akkord. Kein Effekt um des Effekts willen – sondern ein Moment, der stehenbleibt.

Fazit: Kein Millionenseller – aber ein ernsthafter Künstler

Mit „Souvenirs“ verklingt das Album, und Rico Friebe hat erneut seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Wir hören hier keinen Millionenseller. Wir erleben einen ernsthaften Künstler, der uns an seiner Kompositionskunst teilhaben läßt – im Jetzt und wo auch sonst.

Lieber Rico: Grüße aus Willich. Dein Vinyl ist mit uns. Deine Kunst möge geschehen. Lass das Lamm am Broadway auferstehen.

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