At the Speed of Sound – Wings

Ein Jahr vor der Veröffentlichung von „At the Speed of Sound“ hatte ich angefangen, sämtliche Platten der Beatles zu sammeln. Leider fehlte mir hierzu das nötige Taschengeld, also musste ich mir eine andere Lösung einfallen lassen. Ein Radiorecorder musste her, denn nur so konnte man für wenig Geld Musik von einer Schallplatte auf eine Kompaktkassette kopieren. Bei Radio Tolksdorf stand eines Tages genau so ein Gerät im Schaufenster und genau das wünschte ich mir zu meinem fünfzehnten Geburtstag. Es handelte sich hierbei um ein SABA RCR 364, hiermit konnte man einerseits UKW-Radio hören, andererseits aber auch entweder vom Radio auf Kassette aufnehmen oder einfach nur bereits bespielte Kassetten anhören. Auch wenn der Vergleich ziemlich schräg klingt: So ein Radiorecorder hatte damals etwa die Bedeutung wie heute ein iPhone von Apple.

Let ‚Em In

Am 26. März 1976 veröffentlichen die Wings ihr fünftes Album „Wings At the Speed of Sound“. Und da ich am 30. März Geburtstag hatte, konnte ich wenige Tage nach der Veröffentlichung im Radio die ersten Songs mit meinem Radiorecorder aufnehmen. „Let ‚Em In“ wäre ein erstklassiger Eröffnungssong für die erste aufgenommene Kassette gewesen. Leider hatte ich schon zwei Stücke auf dem Band, erstens „Rock around the Clock“ von Bill Haley und zweitens „People like you, people like me“ von der Glitter Band. Daher folgte der Song erst danach. Der Radiomoderator berichtete darüber, dass Paul McCartney auch Geräusche unter die Songs gemixt hatte. Beispielsweise das Knarren einer Türe in „Let ‚Em In“ oder auch das Knistern von gebratenem Fleisch in einer Pfanne bei „Cook of the House“.

Hier den Preis von „At the Speed of Sound“ prüfen

Mit „Let ‚Em In“ beginnt die LP und eigentlich sind es nicht die entspannten Klavierakkorde die den Song eröffnen, sondern es ist der helle Klang einer Türklingel mit der Tonfolge des Glockengeläuts von Big Ben in London. Dann zählt McCartney eine Menge Leute auf, die an der Tür klopfen und klingeln. Darunter auch Martin Luther und die Everly Brothers. Aus meiner Sicht ist das Lied bis heute unterbewertet. Dabei passiert eine Menge an den Drums und auch im Hintergrund, wenn die Bläser ins Arrangement eingreifen. Und auch der Schluss hat einen richtigen Abschluss, wenn es am Ende nach dem Ausblenden noch einmal laut wird.

The Note You Never Wrote

McCartney hatte gar nicht beabsichtigt, ein Bandalbum zu produzieren – es ist einfach passiert. Jedes Mitglied der Wings hatte seinen Auftritt. „The note you never wrote“ wurde von Denny Laine gesungen und hat, wie ich finde, einen Gitarrensound, der ziemlich nach David Gilmour von Pink Floyd klingt. Das Solo wurde von Jimmy McCulloch gespielt und ist bemerkenswert gut.

„She’s my baby“ ist einer der wunderbaren kurzen Songs, die McCartney wahrscheinlich jederzeit innerhalb weniger Minuten aus dem Ärmel schütteln kann. Der warme, analoge Sound der Platte tut hier sein Übriges, alles klingt wie aus einem Guss, die Drums korrespondieren mit dem Bass und es macht Spaß, hier ganz genau zuzuhören. Der Übergang des Songs bereitet bereits den aus meiner Sicht schönsten Song des Albums vor, denn der warme Keyboardsound wird von einer akustischen Gitarre weitergeführt, bevor der Harmoniegesang von Paul, Linda und Denny „Beware my love“ eröffnet.

Beware My Love

sollte eigentlich der erste für das Album aufgenommene Song werden. John Bonham spielte das Schlagzeug und McCartney improvisierte den Gesang und hämmerte dabei auf das Klavier ein. Wahrscheinlich inspirierte Bonham ihn dazu, etwas fester auf die Tasten zu hauen. Leider wurde diese Version erst knapp vierzig Jahre später veröffentlicht. Eine Schande. Der Song ist clever aufgebaut und wird von mir seit vielen Jahren immer wieder gehört.

Jimmy McCulloch beendet die erste Seite des Albums mit seine Song „Wino Junko“ und auch hier ist es der Distortion-Sound seiner Leadgitarre, die dem Song das gewisse Etwas gibt. Und der Break mit der akustischen Gitarre am Schluss führt das Stück nach Hause. Der Song handelt von Drogen, genau deshalb gab Jimmy seinen Löffel bereits drei Jahre später an der Himmelstüre ab.

Silly Love Songs

Einer der besten Popsongs aller Zeiten, der humorvolle Beginn, der melodiöse Basslauf, der Gesang – es gibt nicht eine Gegenmelodie, sondern insgesamt drei verschiedene Melodien, die sich um die gleiche Akkordfolge winden und am Ende zusammenfinden. Der Text mit seinem unterschwelligen Sarkasmus, den Paul von John Lennon abgeschaut hat, bringt alles auf den Punkt. McCartney hat niemals mehr gewollt, als gute bzw. sehr gute Songs zu schreiben. Und zwar jeden Tag, den der liebe Gott uns schenkt. Und genau diese blöden Liebeslieder brauchen wir heute unbedingt wieder. Das und nichts anderes. Damit wir wieder zusammen tanzen gehen können, statt uns die Köpfe einzuhauen, wenn mal jemand eine andere Meinung hat.

Time to Hide

hatte Denny Laine lange genug. Hier taucht er endlich auf mit einem wundervollen Slowsong. Merkwürdigerweise beginnt das Stück mit einem fade-in, es gibt keinen richtigen Anfang, so etwas gab es auch mal bei den Beatles bei „Eight days a week“. Aber was auch hier wieder heraus sticht, ist das makellose Bassspiel McCartneys. Und auch die Bläser wurden geschickt in den Song integriert.

Bei „Must do something about it“ hat der Drummer seinen Einsatz am Mikrophon. Und er macht seine Sache so gut, dass ich erst ziemlich spät merkte, dass hier nicht Paul sondern Joe English singt. Es gibt aber auch eine Version, bei der McCartney die Leadstimme singt. Man kann nun trefflich darüber streiten, welche Fassung die bessere ist. In all den Jahren habe ich mich an die originale Version mit Joe gewöhnt und finde, dass sie zurecht ihren Platz auf diesem Album gefunden hat.

„San ferry anne“ hat ein geschmackvolles Arrangement und Linda singt die Harmonien zusammen mit Denny und Paul. Viele sind der Meinung sind, das Linda nicht gut singt oder besser gesagt, gar nicht singen kann. Doch die Magie der Wings beruht vor allem auf den Harmoniegesang dieser drei Stimmen. Ohne Linda wäre die Wärme gerade bei diesem Song nicht spürbar gewesen. Der Titel ist übrigens ein Wortspiel,

Warm and Beautiful

ist der analoge Sound, der bei der Remaster-Version von 2014 besonders gut zu hören sein soll. Ich besitze die alte Vinylausgabe, die erste CD-Fassung und auch die Version von 2014. Da gibt es keinen großartigen Unterschied, in meinen alten Ohren klingen alle Ausgaben warm und schön. Ich wiederhole mich. Schluss damit, holt Euch die Scheibe und hört selber. Egal, ob Vinyl, CD oder Deluxe-Ausgabe.

Daten zur Pressung

Erscheinungsjahr1976
HerkunftslandBRD
Katalognummer
Labelcode
PreisJetzt aktuellen Preis bei Amazon hier prüfen.
Daten zur hier bewerteten Pressung

*Werbehinweis für Links: Es handelt sich um einen sog. Affiliate-Link, das heißt, wenn auf der verlinkten Website etwas eingekauft wird, erhält der Betreiber von plattenkritik.com eine Provision.