Lukas hat eine Top-Ten-Liste mit 10 Songs aus Australien erstellt, die mir deutlich zu kurz erscheint und viele Bands und Solo-Künstler unterschlägt. Deshalb hier noch einmal etwas ausführlicher eine komplett subjektive Liste der aus meiner Sicht interessantesten Platten aus Australien und Neuseeland. Los geht es mit der besten Band aus Neuseeland.
Split Enz – True Colours (1980)

1980. Die BBC spielt nach Mitternacht immer eine Stunde lang Live-Musik. Ich höre Split Enz – und bin sofort fasziniert von dieser schrägen und zugleich sehr unterhaltsamen Band, die New Wave mit Rock und Pop verbindet.
Ein paar Jahre später löst sich die Band auf, und die Brüder Tim und Neil Finn starten durch: Tim veröffentlicht 1984 sein erstes Solo-Album, Neil gründet mit Crowded House die wohl erfolgreichste Band aus Neuseeland.
Alle Alben von Split Enz sind empfehlenswert, weil man eine interessante Entwicklung durchhört. Herausragend ist für mich Time and Tide. Aber auch Conflicting Emotions mit dem wunderbaren Song „Message to My Girl“ hat keine Füller an Bord – und ist durchweg großartig gespielt.
Little River Band – First Under the Wire (1979)

„Happy anniversary, baby / got you on my mind“
So beginnt der wohl bekannteste Song der Little River Band. Und ja: Das ist wirklich ein perfekter Pop-Song.
Wenn man sich die Instrumente im Einzelnen anhört, wird einem bewusst, wie clever dieses Stück strukturiert ist. Der Satzgesang startet direkt mit dem Chorus (siehe „Dancing Queen“ von ABBA – auch ein perfekter Song). Der Bass steuert federnd die erste Strophe, im Hintergrund spielt eine Gitarre die Akkorde, die Drums sind geradeaus. In der Bridge lassen die Strings die Sonne im wahrsten Sinne des Wortes scheinen. Das Solo der Leadgitarre ist kristallklar und mündet in den a cappella gesungenen Chorus.
Das dazugehörige Album heißt Diamantina Cocktail und ist wohl das beste Album der Band. Oder doch eher First Under the Wire? Absolut unverzichtbar für jede Vinyl-Sammlung sind beide Alben.
Xavier Rudd – Jan Juc Moon (2002)

Xavier Rudd spielt in Köln ein Konzert – ganz alleine – und es hört sich an, als stünden fünf Musiker auf der Bühne. Wie geht das nur?
Er spielt mit beiden Händen und mit beiden Füßen, dazu singt er, bläst oder macht sonst etwas mit all seinen Körperteilen. Und er ist dabei unglaublich sympathisch. Er sorgt dafür, dass man sich gerne auf neue, noch nie gehörte Sounds einlässt. Was bläst er da gerade – zwei Didgeridoos auf einmal?
Zwischendurch singt er, spielt Gitarre und hält den Rhythmus mit nackten Füßen: Fußtambourin, elektronisch verstärkte Fußtrommel – alles gleichzeitig. Das muss man gehört und vor allem gesehen haben. Wie kann ein Mensch nur so viel musikalisches Talent besitzen? Ich muss mal den lieben Gott fragen, wieso ich – was die Beherrschung von Musikinstrumenten angeht – so absolut talentfrei bin.
Crowded House – Crowded House (1986)

Ich fahre mit dem Auto zum Einkaufen, und im Deutschlandfunk wird Crowded House vorgestellt. Ein etwas spießiger Moderator sagt, er finde die Band nicht musikalisch, sondern musikantisch. Ich überlege nun seit fast 35 Jahren, was „musikantisch“ bedeuten soll – und was der Unterschied zu „musikalisch“ ist.
Das Debüt erscheint 1986, und bis heute ist „Hole in the River“ für mich ein toller Song – so unglaublich „musikantisch“, wie ich finde.
Aber ehrlich: Für mich geht es bei Crowded House erst mit dem zweiten Album richtig los. Das beginnt stark mit „I Fell Possessed“ und endet ebenso stark mit „You Better Be Home Soon“. Dazwischen steht mit „Into Temptation“ vermutlich der schönste Song, den Neil Finn jemals komponiert hat.
Und dann kommt ja auch noch das dritte Album – und diesmal ist mit an Bord:
Tim Finn – Big Canoe (1986)

Sein erstes Album Escapade habe ich hier schon ausführlich besprochen. Die nachfolgenden Alben waren bei weitem nicht mehr so erfolgreich – das liegt vor allem an der weniger poppigen und deutlich artrockigeren Ausrichtung.
Aus meiner Sicht ist Tim musikalisch interessanter als sein Bruder Neil. Den Beweis für diese These kann man auf dem dritten Album Woodface von Crowded House nachhören: Wenn Tim beteiligt ist, sind die Songs spannender konstruiert, haben mehr Haken und Ösen. Woodface ist vollgepackt mit Stücken, die beide gemeinsam geschrieben haben.
Später wurde diese Zusammenarbeit noch einmal vertieft – mit The Finn Brothers, vor allem mit dem Song „Only Talking Sense“. Wer anspruchsvolle Pop-Musik mag, wird von Tim und Neil nicht enttäuscht werden. Beide sind bis heute solo oder mit Band aktiv.
AC/DC – High Voltage (1976, internationale Ausgabe)

Okay: Ich bekomme jetzt vermutlich wenig Zustimmung, wenn ich behaupte, dass AC/DC ausschließlich mit Bon Scott richtig gut waren.
High Voltage ist aus meiner Sicht das einzige Album, das man wirklich braucht. Hier sind die Superstücke drauf. Klar, es gab später noch mehr Hits – aber nur hier, auf der internationalen Ausgabe (eine Zusammenstellung der ersten beiden australischen Alben), sind die Bagpipes zu hören: eine Idee von Bon Scott.
Der Titel ist programmatisch: Es ist wirklich ein weiter Weg nach ganz oben. „It’s a Long Way to the Top“ enthält alles, was die Band ausmacht. Einen Shouter, der alles gibt. Die Dudelsäcke. Malcolms Riffs. Angus Youngs Leadgitarre. Und das rhythmische Rückgrat der Band: Bass und Schlagzeug, gespielt von Mark Evans und natürlich Phil Rudd.
Was braucht man noch? Natürlich „Let There Be Rock“, das Titelstück des vierten Albums. Schaut euch das Video an – dieses diabolische Grinsen von Bon Scott ist einfach göttlich.
Ups. Das ist Blasphemie. Gut, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin.
Angus & Julia Stone – Snow (2017)

In Willich gab es die Kneipe „Black Jake“. Dort wurde – trotz Rauchverbot – gequalmt und handgemachte Musik live gespielt. Der Ordnungsdienst war regelmäßig bis zum bitteren Ende zu Gast.
Wenn es keine Live-Musik gab, wurden Musikvideos per Beamer an die Wand geworfen. Dort habe ich Angus & Julia Stone zum ersten Mal mit „Grizzly Bear“ gehört und gesehen.
Leider schaffen es die beiden nicht immer, auf ihren Alben durchgehend starke Songs zu liefern. Es gibt Füller – nun ja – in Hülle und Fülle. Aber eben auch Perlen, für die sich ein Kauf lohnt: Neben „Grizzly Bear“ gehören dazu „Heart Beats Slow“ und „Big Jet Plane“.
Mein Geheimtipp ist „You’re the One That I Want“, von Julia ohne ihren Bruder Angus eingespielt. Natürlich: eine Verbeugung vor …
Olivia Newton-John – Greatest Hits (1977)

Olivia hatte Anfang der 80er in Europa einen Lauf – und natürlich gemeinsam mit John Travolta diesen Superhit. Und sie sah dabei noch blendend aus.
Doch schon Anfang der 70er war sie in den USA ein Superstar, damals eher im Country- und Folk-Bereich verortet. Die Songs waren aber schon damals mehr Pop – oder auch Yacht Rock.
Ihr schönster Song „Have You Never Been Mellow“ ist eine Uptempo-Ballade, wunderbar gesungen. Wenn man einen Signature-Song der Siebziger braucht, der diese einzigartige sonnige Stimmung transportiert: Hier ist er.
Flash and the Pan – Flash and the Pan (1979)

Das Album Lights in the Night habe ich am Wühltisch gefunden, kostete damals fünf Mark – und ich weiß bis heute nicht, warum ich das gekauft habe. Ganz bestimmt nicht wegen des Covers.
Doch wenn man sich die Geschichte der Band anschaut, wird es interessant. George Young und Harry Vanda hatten ihren ersten Welthit bereits Mitte der 60er mit The Easybeats („Friday on My Mind“). Danach etablierten sich beide als Hitschreiber für andere Musiker – zum Beispiel John Paul Young (nicht verwandt mit George Young) – und als Produzenten, etwa für AC/DC (George war der ältere Bruder von Malcolm und Angus Young).
1976 war der Stapellauf der Band, und sie hatte wirklich ein paar Ohrwürmer an Bord: „Walking in the Rain“ (von Grace Jones später vergoldet), „Hey, St. Peter“, „Midnight Man“, „Early Morning Wake Up Call“.
Cold Chisel – Circus Animals (1982)

Jimmy Barnes ist eine australische Legende. Mit seiner markanten Stimme hat er alle Alben von Cold Chisel geprägt.
Ich habe mir 1982 Circus Animals gekauft und war damals enttäuscht. Bis auf „When the War Is Over“ mochte ich kaum einen Song und habe die Platte selten gehört. Heute ist das völlig anders.
„When the War Is Over“ wurde von Steve Prestwich geschrieben und von Ian Moss, dem Gitarristen, gesungen. Der Song beginnt mit einem a cappella gesungenen Chorus, direkt danach startet das Gitarrensolo – erst dann beginnt die Strophe. Ziemlich ungewöhnlich, aber es funktioniert.
Erst viele Jahre später habe ich das Album – und damit Cold Chisel – wiederentdeckt. Die Band müsste eigentlich mit AC/DC in derselben Liga spielen. Die Songs sind melodisch, gehen immer nach vorne, und Jimmy Barnes ist für Cold Chisel so wichtig wie Bon Scott für AC/DC.
Auch Barnes hatte ein Alkoholproblem – doch anders als Scott ist er heute immer noch ziemlich lebendig. Es ist also noch reichlich Zeit, die Band zu entdecken. Wie wäre es mit dem Live-Album Swingshift als Einstieg? Aber auch The Last Wave of Summer (1998) eignet sich hervorragend.
The Church – Seance (1983)

„Electric Lash“ habe ich 1983 im Radio entdeckt. Die Gitarren erinnern an Roger McGuinn, der Gesang erzeugt eine dunkle Stimmung – und das Stück ging sofort ins Ohr.
Im Musikexpress schrieb damals ein Autor, die Band würde ausschließlich in G-Dur spielen. Das fand ich hochinteressant. Ich habe bis heute keine Ahnung, was das bedeutet – nur, dass diese Musik in meinen Ohren sehr schön klingt.
The Church hatten einen eigenen Stil: Akustische Gitarren standen den elektrischen gleichberechtigt gegenüber, Steve Kilbeys Stimme hatte einen eigentümlichen Klang. Und mit dem zweiten Album The Blurred Crusade gelang es Produzent Bob Clearmountain, den typischen Church-Sound zu etablieren.
Mein Lieblingsstück: „Just for You“, mit dem die zweite Vinyl-Seite startet. Das Knarren einer sich öffnenden Tür ist ein wunderbares akustisches Bild – besser kann man eine Albumseite nicht eröffnen.
Goanna – Goanna / Spirit of Place (1982)

Auch diese Band habe ich am Wühltisch entdeckt. Das Cover war interessant, und für fünf D-Mark habe ich die Platte eingepackt.
Der Wiki-Eintrag ist kurz: Goanna wurde 1977 von Shane Howard gegründet, das Debüt Spirit of Place erschien 1982 und hatte mit „Razor’s Edge“ und „Solid Rock“ mindestens zwei Hits an Bord. Doch auch die anderen Stücke sind von gleich hoher Qualität.
Die Band spielt einen trockenen Folk-Rock – mit Betonung auf Rock. Während einer Tournee 1985 verließ Shane Howard die Band und startete ohne Ankündigung einen „Walkabout“, eine Art Pilgerreise nach Art der australischen Ureinwohner. Die Band musste Konzerte absagen und eine hohe Konventionalstrafe zahlen. Howard machte danach solo weiter.
Icehouse – Primitive Man (1982)

Icehouse hatten Anfang der 80er das Glück, mit Iva Davies einen Sänger zu haben, dessen Stimmfarbe an Bryan Ferry erinnert. Und sie hatten mit „Hey Little Girl“, „Street Café“ und „Great Southern Land“ drei Monster-Hits auf ihrem zweiten Album Primitive Man.
Noch heute laufen diese Stücke im Formatradio – man kann ihnen kaum entkommen. Auch auf dem dritten Album Sidewalk gab es mit „Don’t Believe Anymore“ einen Ausnahmesong, der bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.
Die Band existiert bis heute, allerdings habe ich sie ein wenig aus den Augen verloren.
INXS – The Swing (1984)

Funk, Blues und vor allem Rock. Und dann noch Michael Hutchence.
Meine erste Begegnung mit INXS war „Original Sin“ vom Album The Swing. Und auch dieses Album landete bei mir erst einmal in der Ablage „Ferner liefen …“. Ich kann mich nicht erinnern, die Platte noch einmal aufgelegt zu haben.
Drei Jahre später kam Kick – das Album, das den weltweiten Durchbruch brachte. Die Songs liefen ständig im Radio und bei MTV, aber bei mir blieb erstaunlich wenig hängen.
Erst mit Welcome Wherever You Are wurde ich wieder aufmerksam – und komplett überrumpelt: Jeder Song ein Treffer, jeder Song hat etwas Eigenes. Und auch das Nachfolgealbum Full Moon, Dirty Hearts haut einen um.
Wer INXS kennenlernen möchte, sollte sich diese beiden Alben von 1992 und 1993 zulegen.
Parcels – Day / Night (2021)

Nachdem ich meinen zwanzig Jahre alten Hoodie in die Altkleidersammlung gegeben habe, spielt mir YouTube ein Parcels-Video vor, in dem der Keyboarder einen ganz ähnlichen Hoodie trägt – und damit verdammt cool aussieht. Ich ärgere mich bis heute, dass ich das Ding nicht behalten habe.
Parcels wurden mir von meiner Tochter empfohlen. Während der Corona-Pandemie sind die Jungs in Berlin hängengeblieben und haben in den Hansa-Studios das Live-Album Live Vol. 1 eingespielt. Mittlerweile sind mehrere Studio- und Live-Alben sowie EPs erschienen.
Die Musik ist eine tanzbare Mischung aus Funk, Rock, Soul und Pop – vielleicht ein wenig vergleichbar mit Level 42. Auf der Bühne ist die Band auch optisch eine Attraktion: Der Bass läuft federleicht, der Fender-Rhodes-Sound fließt, und den Gesang teilt sich die Band untereinander auf.
Wer die Band antesten will, sollte es mit dem Video „Somethinggreater“ (2021) versuchen: Live aufgenommen in Paris erlebt man recht intensiv, wie es Parcels gelingt, über die Musik mit dem Publikum zu kommunizieren. Acht Minuten reichen völlig aus, um zu verstehen, wie wichtig diese Band bereits ist – und wie groß sie noch werden könnte.
